Sprecher: Jens Rosbach
Das Einzigartige an der Erscheinung des Bühnenwunders Jenz Steiner, von
ihrem Genialischen abgesehen, ist die vollkommene Deckung von Mann und
Werk. Er singt und lacht. Er schreibt mit dem Blut seines Herzens und
dem Saft seiner Nerven. Sein Leben abseits der musikalischen Arbeit ist
Vorarbeit zu dieser. Als deren Ergänzung dient es in nie erlahmender
Leidenschaft der Bekräftigung des geschriebenen und gesungenen Werkes,
für das er bereits an vielen hundert Abenden im Konzertsaal eintrat.
Seine Hingabe nutzt Steiner für das Erfassen und Erfüllen seiner
musikalischer Meisterschöpfungen. In der überwältigenden Wiedergabe der
beliebten und geliebten Werke „Schönhauser Allee“, „Zwei Rüstungen“ und
„Disko in der U-Bahn“ will Jenz Steiner dem Missverstehen, dem
Verfälschen und Verflachen durch die zeitgenössische Musik ein Bollwerk
der Emotionalität entgegensetzen. Hierzu legitimieren ihn seine
Herkunft, seine Begabung, seine Musikalität und sein affektgeladenes
Sprechorgan. Steiners Stimme ist der zarten lyrischen Schattierungen wie
des großen dramatischen Ausdrucks fähig.
Sein neues, nunmehr drittes Album „Steiner – wie er singt und lacht“ -
ein halbes Jahrzehnt ließ er es gedeihen, dient zu großen Teilen der
Reinigungsmission, zu der er sich in seiner Rolle als König vom
Prenzlauer Berg berufen fühlt, nämlich der Aufgabe, die Flecken, die ihm
sein Weltbild verhässlichen, die großen wie die winzigsten, mit der
scharfen Säure seines Hohns und Witzes, seiner doppelten Ironie anzugehen.
Im vergangenen Jahrzehnt gedieh durch seiner Hände Kraft eine reiche
poetische und aphoristische Produktion und ein dramatisches Oeuvre, als
dessen sinnbildlicher Gipfel die letzte Lebensphase seines Heimatbezirks
„Prenzlauer Berg“ erscheint. Die beschleunigte Umstrukturierung des
Raumes verwandelte Steiners Heimat, den einstigen Arbeiterbezirk und
Freiraum der Freidenker in eine geistige Höllenlandschaft in der
Spaßgesellschaft der bohemischen Bourgeoisie.
Steiner hat den schärfsten Blick für das Niedrige, Lächerliche,
Verlogene und Armseelige, dass sich in Drucklettern, in Buch, Zeitung
und neuen Medien manifestiert. Es ist Jenz Steiners überlegene Kunst, es
auf der Bühne in satirisches Licht zu rücken, in ein Licht von
erbarmungsloser und zerstörender Grellheit.
„Bühnenwunder Jenz Steiner, der König vom Prenzlauer Berg“ ist sich das
Maß aller Dinge, muss sich das wohl auch sein, um als orthodoxer
Einzelgänger sein Gleichgewicht unerschüttert zu bewahren.
Steiner versteht es, sich Feinde zu machen, im zwiefachen Sinne des
Wortes. Er modeliert sie in fruchtbarer Hassfantasie. Klägliches
Spießertum und unendliche Engstirnigkeit sind die Symptome einer Zeit,
die er seit Jahren mit nie befriedigtem Zorn bekämpft, hierbei wenig
beirrt von den Einflüssen so nebelhafter Sternbilder wie Objektivität
und Gerechtigkeit.
Tiefer als Jenz Steiner ist bisher kaum ein Zeitgenosse in den
Zaubergarten der Sprache eingedrungen. An den geheimnisvollen
Verflechtungen dessen, was dort in nie zu erschöpfendem Reichtum blüht,
hat er sein grenzenloses Entzücken. Der König vom Prenzlauer Berg ist
Hüter im Bezirk des Geistes, erbarmungslos im Attackieren und Abweisen
derer, die ihm den geheiligten Bezirk zu verunreinigen scheinen. Viel
Liebe für das Kleine nährt Steiners Hass gegen das Große. Ideal und
Wirklichkeit prallen in Steiner ständig aufeinander.
Die ihm nahe kommen, unterliegen dem Einfluss der dauernden
Hochspannung, in der sein Geist und sein Wille leben. Das wirkt
bezaubernd und bedrohlich zugleich. Vielleicht ist es dieses
Hochgespannte, das seine Erscheinung für Hass und Liebe so
unwiderstehlich anziehend macht. Das ist er. Das ist „Steiner – wie er
singt und lacht“.